Die Sammlung der Stadt Bad Saulgau umfasst rund 700 Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die ab Ende des 19. Jahrhunderts vorwiegend in Oberschwaben geboren oder auf¬ge¬wachsen sind oder hier gelebt oder ge¬arbei¬tet haben. Werke wie etwa jene von Gottfried Graf, Hans Purrmann, Sepp Mahler, Albert Burkart, Maria Casper-Filser oder Rose Sommer-Leypold spiegeln eine in¬tensi¬ve Aus¬ein¬ander¬setzung mit Ku¬bis-mus, Ex¬pres¬sio¬nis¬mus, Neuer Sach¬lich¬keit oder Abstraktion und markieren so eine eigenständige Moderne in Oberschwaben. Mit HAP Grieshaber, Erwin Henning oder Jakob Bräckle ist in der Sammlung auch die Künst¬lergenera¬tion vertreten, die in den Nach¬kriegs¬jahren Bedeu¬tung erlangte. Die Vielfältigkeit zeitge¬nös¬sischer Malerei und Plastik in Ober¬schwaben doku¬mentieren Arbeiten von Willi Siber, Sigrun C. Schleheck, Christofer Kochs, Gerhard Langenfeld, Waltraud Späth, Herbert Volz, Her-mann Waibel oder Angela Flaig. Hervor stechen zudem sakrale Bilder von Otto Dix, Karl Casper oder Emil Kiess.
Helmut Wetter, Eva Becker,
1977
Öl auf Leinwand
180 x 80 xm
Kunstverein Bad Saulgau e.V.
Mit übereinander geschlagenen Beinen zeigt Helmut Wetter (geb.1949) Eva Becker auf einem niedrigen Hocker sitzend. Ihr Blick sucht zwar nachdenklich etwas in der Ferne, nimmt uns mit aus dem Bild heraus. Aber ihre physische Präsenz ist so stark, dass sie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die langen Arme, kantigen Schultern und das leicht maskenhafte Gesicht weisen über eine rein realistische Darstellung hinaus. Ihre Persönlichkeit wird greifbar gemacht. Eva Becker wirkt selbstbewusst, ihre strenge Armhaltung verschafft etwas Distanz und die lange, ungewöhnlich aufrecht gehaltene Zigarette ist fast wie ein Symbol all dessen. Umso interessanter ist, dass ihr linker kleiner Zeh sich dieser Strenge scheinbar nicht ganz unterordnen möchte und über dem Sandalenriemen liegt.
Ganz im Sinne des Neuen Realismus der 1970er Jahre beschwört Helmut Wetter in diesem Ganzkörperportrait die Gegenständlichkeit, belebt diese mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten und einer auf den ersten Blick kühl erscheinenden Farbpalette. Bei genauerer Betrachtung besticht jedoch das tiefe Blau des Kleides und die virtuose Pinselführung.
1949 in Meßkirch geboren, studiert Helmut Wetter zunächst Mathematik und Physik in Freiburg. 1971 wendet er sich der Malerei zu und beginnt an der Staatlichen Akademie der Künste in Karlsruhe zu studieren. Später hat er hier auch einen Lehrauftrag. Nach einer langen Phase figurativer Malerei, wird für Wetter die Gegenstandslosigkeit immer bedeutender, ohne sich jedoch endgültig festzulegen. Malerei ist für ihn „Abenteuer“, Richtungswechsel gehören zur künstlerischen Weiterbildung dazu. Gerade dieses Ganzfigurenporträt von Eva Becker macht das deutlich: Bei aller naturgetreuen Wiedergabe, basiert Malerei immer auf einem gewissen Grad an Abstraktion.
Das Bild ist derzeit in der Ausstellung „Danielle Zimmermann – REUSE ME“ zu sehen.
Emil Kiess (* 1930)
Chromatische Modulation, 1991
Öl auf Leinwand
120 x 100 cm
Dauerleihgabe des Kunstvereins Bad Saulgau e.V.
Emil Kiess’ Gemälde „Farbmodulation“ ist ein charakteristisches Beispiel seines späten malerischen Schaffens, in dem die Farbe selbst zum eigentlichen Bildthema wird. Auch wenn die bewegten Blau- und Grüntöne, die immer wieder auch rote Schattierungen durchscheinen lassen, an den Blick auf eine Wasserfläche erinnern, verzichtet die Komposition auf gegenständliche Motive und entwickelt ihre Wirkung ausschließlich aus dem Zusammenspiel fein abgestufter Farbfelder. Leuchtende Töne gehen fließend ineinander über und erzeugen eine rhythmische, beinahe schwingende Bildstruktur. Die einzelnen Farbflächen bleiben eigenständig, verbinden sich jedoch zu einem harmonischen Ganzen, das den Blick des Betrachters kontinuierlich über die Bildfläche führt. Licht und Raum entstehen nicht durch perspektivische Konstruktion, sondern allein aus den Wechselwirkungen der Farben. Damit knüpft Kiess an Erkenntnisse des Divisionismus an, entwickelt diese jedoch zu einer eigenständigen, zeitgenössischen Farbmalerei weiter. Seine Werke zielen nicht auf die Darstellung äußerer Wirklichkeit, sondern auf die sinnliche Erfahrung von Farbe als Träger von Bewegung, Atmosphäre und Emotion.
Die „Farbmodulation“ lässt sich der ungegenständlichen Malerei nach 1945 zuordnen. Zugleich steht das Werk in der Tradition der europäischen Farbabstraktion. Kiess verbindet konstruktive Ordnung mit einer sensiblen, fast meditativen Farbauffassung und nimmt innerhalb der südwestdeutschen Nachkriegskunst eine eigenständige Position ein.
Emil Kiess wurde am 10. Februar 1930 in Trossingen geboren. Seine künstlerische Ausbildung begann von 1949 bis 1951 an der Bernsteinschule in Sulz am Neckar bei Paul Kälberer, Hans Ludwig Pfeiffer, Riccarda Gohr und HAP Grieshaber. Anschließend studierte er von 1952 bis 1953 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Willi Baumeister und Peter Otto Heim. Bereits früh beschäftigte er sich intensiv mit der Glasmalerei, die neben Malerei, Grafik und Kunst am Bau einen wichtigen Bestandteil seines Werkes bildet. Schon in den 1950er Jahren erhielt Kiess bedeutende Auszeichnungen: 1955 und 1958 den Oberschwäbischen Kunstpreis, 1956 den Kunstpreis „junger westen“ der Stadt Recklinghausen sowie 1958 den internationalen Premio Marzotto. 1960 folgten das renommierte Stipendium der Villa Massimo in Rom und der Premio G. B. Salvi. Weitere Ehrungen waren der Große BDA-Preis 1975 und die Verleihung des Professorentitels durch das Land Baden-Württemberg im Jahr 1995. Mit seinem konsequenten Fokus auf die Möglichkeiten der Farbe zählt Emil Kiess zu den bedeutenden Vertretern der abstrakten Malerei im deutschen Südwesten.
Herbert Volz (*1944)
blau über violett + gelb, 2004
Acryl auf Leinwand
120 x 120 cm
Dauerleihgabe des Kunstvereins Bad Saulgau e.V.
Das Bild „blau über violett + gelb“ von Herbert Volz (geb. 1944) besteht aus mehreren übereinanderliegenden, transparent wirkenden Farbflächen, die auf den ersten Blick alle quadratisch erscheinen. Beginnt die Betrachtung der Arbeit beim Hintergrund, entdeckt man zunächst ein helles Quadrat, von dem nur zwei Kanten sichtbar sind. Alles andere überlagert das große blaue Viereck, das an der oberen und linken Seite schmaler und damit dynamisch wird. Auf der blauen Fläche liegt ein grünes Quadrat. Dieses wird wiederum von einem schräg gestellten violetten Viereck partiell bedeckt. Die zwei hier schräg verlaufenden Kanten lassen auch dieses Viereck wie in Bewegung erscheinen, allerdings in Gegenbewegung zum blauen Viereck. Zugleich ermöglichen diese schrägen Seitenkanten den Blick auf das grüne Quadrat.
Aber sehen wir überhaupt richtig? Weist der Titel nicht auf andere Farbebenen und deutet die verschiedenen Farbmischungen des Malers an, die man bei der Betrachtung nicht unmittelbar sehen kann? Sollte man diese Arbeit vielmehr von vorne nach hinten lesen und zugleich fragen, wie Farbmischungen zustande kommen?
Als Vertreter der konstruktiv-konkreten Kunst arbeitet Herbert Volz mit den Grundmitteln jeglicher Malerei: Farben und Formen. Klar werden diese übereinandergesetzt, geraten aber durch leichte Verschiebungen in Bewegung und damit aus dem zu streng wirkenden rechten Winkel. Eine Besonderheit von Volz‘ intensiver Auseinandersetzung mit Farbe, ist die Konzentration auf das schon seit Goethe bekannte Kantenspektrum. Die spannungsvolle und Ruhe ausstrahlende Wirkung des Bildes zieht uns in seinen Bann, immer fragend, welche – auch räumliche – Wirkung Farben durch Überlagerungen entfalten können.
Die lichtdurchscheinende Transparenz der Arbeit mag auf die künstlerischen Anfänge von Herbert Volz (geb. 1944) verweisen. Er absolviert von 1959 bis 1962 eine Glasmalerlehre in Rottweil. Im Anschluss studiert er bis 1967 freie und angewandte Malerei an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. Seit 1976 lebt und arbeitet er als freischaffender Künstler in Ulm.
Martina Geist (*1961)
Mahlzeit I, 2008
Öl auf Holz
190 x 220 cm (2-teilig)
Dauerleihgabe des Landes Baden-Württemberg
Drei leere Stühle stehen in einem Raum. Auf dem Tisch befindet sich eine im Verhältnis dazu übergroße Schale mit Löffel. Zwar zeigt Martina Geist eine alltägliche Szene, doch durch die flächige Farbgestaltung lenkt sie den Blick unmittelbar auf die Komposition. Farben, Formen, Linien und Flächen treten gegenüber den dargestellten Gegenständen in den Vordergrund und erklären deren reduzierte Umsetzung.
Die großen einheitlichen Farbflächen gliedern die zweiteilige Arbeit über beide Holztafeln hinweg und schaffen eine klare Bildstruktur. Helle Linien verleihen den Objekten Tiefe und Kontur, verbinden sie miteinander und strukturieren zugleich den Bildraum. So entsteht eine stark abstrahierende Wirkung. Alles verbindet sich zu einem harmonischen Ganzen und oszilliert zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Die Klarheit der Komposition vermittelt Ruhe und Ausgewogenheit, ohne auf Spannung zu verzichten.
Martina Geist setzt sich seit ihrem Studium an den Kunstakademien in Stuttgart und Wien intensiv mit den Techniken der Zeichnung und des Holzschnitts auseinander. Beim Druck arbeitet sie bevorzugt mit großen Papierformaten, die, wie auch in diesem Werk, nur mit mehrteiligen Druckstöcken zu realisieren sind. Nach dem eigentlichen Druckvorgang bemalt die Künstlerin die Druckstöcke selbst, diese werden zum Trägermaterial und behaupten sich nun als eigenständige Kunstwerke. Die Holzstöcke sind von ihrer ursprünglichen Aufgabe als Druckvorlage befreit. Gleichzeitig bedeutet das, dass der Druckvorgang als solcher nicht wiederholt werden kann. Der Blick auf das Wesen der Druckkunst wird stark sensibilisiert.
Martina Geist lebt und arbeitet in Stuttgart und Ostfildern, ist in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten. Seit ihrer Teilnahme am Eppinger Künstlerfahnenfest im Jahre 2016 finden sich auch Textilien als Träger- und Ausdrucksmittel in ihrem Werk.
Werner Fohrer
Waterface I/15-II/15
2015
Öl auf Leinwand
130 x 180 cm (2-teilig)
Dauerleihgabe des Landes Baden-Württemberg
Werner Fohrer (1947 – 2025) schuf „Waterface I/15-II/15“ im Jahr 2015. Das zweiteilige Diptychon mit dem namensgebenden Motiv des Wassers im Titel zieht die Betrachtenden rasch durch eine fast soghafte visuelle Dynamik in den Bann. Ausgangspunkt für das kunstvoll zwischen Realismus und Abstraktion tänzelnde Werk ist die reale Umgebung des Wassers, dessen Antlitz Fohrer im gemalten Bild zu erhaschen sucht. Ausgehend von der äußeren Erscheinung des Wassers gelangt Fohrer durch Verdichtung, Überlagerung und Verfremdung wellenartiger Bewegungen, Lichtbrechungen und Spiegelungen der Oberfläche zu einer eigenständigen ästhetischen Reflexion – im doppelten Sinne: Seine künstlerische Erwiderung auf die Wirklichkeit bringt tiefere Empfindungen von Verschwimmen von Grenzen und Veränderungen hoch auf die Oberfläche des eigenen Sehens und Gesehenen.
Werner Fohrer (1947 – 2025) begann 1964 mit einer Ausbildung im grafischen Gewerbe. Von 1970 bis 1971 studierte er an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Almir Mavignier und dem renommierten Vertreter der Wiener Schule des Fantastischen Realismus, Rudolf Hausner. Danach setzte er sein Studium von 1971 bis 1976 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart in der Abteilung Freie Malerei unter Rudolf Haegele und K. R. H. Sonderborg fort. Nach der Ausbildung erhielt Fohrer bedeutende Förderungen. So verbrachte er die Jahre 1980 und 1981 mit einem Stipendium des Landes Baden-Württemberg an der Cité Internationale des Arts in Paris. Von 1982 bis 1984 folgte ein Atelier-Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. Ab 1992 schuf und wirkte er in seinem Atelier im Kulturpark Dettinger in Plochingen, wo er 2021 auch den Schauraum Plochingen als Ort des künstlerischen Dialogs mitbegründete. Werner Fohrer war zeit seines Lebens in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland vertreten. Seine subtilen Reflexionen über die moderne Lebenswirklichkeit machen ihn zu einer prägenden Stimme der gegenständlich-realistischen Kunst aus dem süddeutschen Raum.
Angela M. Flaig
Weidenröschen, 2015
75 x 75 cm
Stadt Bad Saulgau
Angela M. Flaig sammelt Pflanzen in ihrer ursprünglichsten Form, als Samen, um sie dann weiterzuverarbeiten. Ein wichtiges Gestaltungsprinzip ist für sie die Serialität, durch die die Samen in der klaren Struktur eines Rasters präsentiert werden. Filigran wirken sie, fast zerbrechlich, wie ein Hauch von etwas, das man erahnt, aber nicht greifen kann. So entstehen Werke, die gerade durch ihre Zartheit, aber auch Fixiertheit die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Alles wirkt ruhig und einheitlich geordnet, dem Werden und Vergehen entrissen.
Die Fragilität der Samen schließt dennoch das ganze kosmische Werden und Vergehen ein. Im Kreislauf der Jahreszeiten offenbart sich die Faszination der Schöpfung. Aus einem zerbrechlichen Samen mit all seiner Flüchtigkeit entsteht mit Ausdauer Kraftvolles, das Wurzeln schlägt, um zu bleiben. Die zarten Beigetöne offenbaren die späteren kräftigen Farben der Pflanzen nicht, sondern tragen diese noch als Geheimnis in sich. Jeder Neubeginn bedeutet auch Vergänglichkeit. Angela M. Flaig visualisiert so mit ihren Samenobjekten den Kreislauf der Schöpfung in einer auf das Wesentliche konzentrierten Poetik.
1948 in Schramberg geboren, verfolgt Angela M. Flaig zunächst ein pädagogisches Studium in Rottweil und arbeitet an verschiedenen Grund- und Hauptschulen. Parallel zu dieser Tätigkeit entstehen seit den 1990er Jahren ihre mit verschiedenen Pflanzensamen gestalteten Werke. Unabhängig von der Größe der Arbeiten, ob als Wand- oder dreidimensionales Raumobjekt, immer führen sie uns die Schönheit der Schöpfung vor Augen. Seit 1977 ist Angela M. Flaig in vielen Ausstellungen im In- und Ausland vertreten. Zahlreiche Arbeiten befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Rottweil-Hausen.
Christofer Kochs: Twins, 2023
Holz, Öl
56 cm
Stadt Bad Saulgau und Kunstverein Bad Saulgau e.V.
Christofer Kochs (* 1969) schuf seine in den Farben Weiß, Grau und Schwarz bemalte, stelenhafte Skulptur „Twins“ (Zwillinge) im Jahr 2023 aus einem einzigen Stück Weichholz. Das Herausschneiden der untrennbar miteinander verbundenen, fast symbiotisch wirkenden Doppelfigur erlebt der in Augsburg lebende Künstler als ein „Zeichnen mit der Kettensäge“ (2026, Bad Saulgau). Als zentrales Element fällt die aus dem Holz geschnittene Faltung der unteren Körperhälften auf, die der Figur eine Anmutung von schwingendem Stoff oder gar Flügeln verleiht. Der auf diese Weise gelängte Körper weist als weitere Besonderheit überproportional klein gestaltete Köpfe auf. Sie scheinen sowohl in die gleiche Richtung in die Weite als auch nach innen zu schauen. Trotz ihres symbiotischen Zustands strahlen die beiden Figuren auch Individualität aus. Diese speist sich aus der Gegensätzlichkeit einer Vielzahl grober, sichtbarer Schnitte, die wie individuelle Risse und Narben im Holz wirken, und der sanften Bemalung, die sich wie eine schützende Haut auf das Holz legt. In meditativer Stille und hoher Präsenz empfangen die Zwillinge so die Besucherinnen und Besucher im Lichthof, von ihrem Platz oben an der Säule. Die an ihnen spürbare, emotionale Dynamik zwischen Intimität und Distanz macht die Skulptur zu einer Projektionsfläche für innere Zustände. Kochs „Twins“ werden so zur Metapher für das menschliche Beziehungsfeld zwischen der Sehnsucht nach einem den anderen sehenden „Du“ und dem Beharren auf der eigenen Existenz. Der Ankauf durch die Stadt Bad Saulgau erfolgte mit Unterstützung des Kunstvereins Bad Saulgau. e.V.
Christofer Kochs studierte ab 1992 an der Akademie der Bildenden Künste München, wo er die Druckwerkstatt Richard Wagner Hof mitaufbaute und Assistent der Lithografie-Werkstatt von Prof. Karl Imhof wurde. Die Arbeit Kochs wurde bereits in diesen Jahren mit mehreren Preisen gewürdigt, u.a. mit dem Kronacher Lucas Cranach-Förderpreis, dem Kunstförderpreis der Stadt Augsburg oder dem Irseer Magnus Remy-Preis. Nach Abschluss seines Studiums startete Kochs, der auch eine große Leidenschaft für die Musik lebt, als freischaffender Künstler und Hochschuldozent mit Lehraufträgen an den Hochschulen in Bonn und in Augsburg. Er erhielt zahlreiche Arbeits-, Atelier und Reisestipendien, unter anderem 2001 und 2004 als Artist in Residence an der School of Arts in Sydney in Australien oder seit 2021 mehrfach am Mecklenburgischen Künstlerhaus. 2015 wurde Kochs für den Pulse Miami Beach Prize nominiert. 2024 wurde Kochs mit dem Arno Buchegger-Preis ausgezeichnet.
Waltraud Späth: o.T., 2024
Holz / Stahl
165 x 43 x 35
Dauerleihgabe des Kunstvereins Bad Saulgau e.V.
Waltraud Späth (* 1962) fertigte die zweiteilige Skulptur „o.T.“ aus Holz und Stahl 2024. Sie fällt besonders durch das sensible Zusammenspiel der gegensätzlichen Materialien und ihre formale Reduziertheit auf. „Der Dialog des Materials erfordert ein gefühlvolles, meist von mir intuitiv geleitetes Arbeiten, um ein ausbalanciertes Miteinander zu erreichen“, sagt die in Friedrichshafen lebende Künstlerin. Während das Holz für das Organische, Gewachsene und Warme steht, Zeit und Natur in sich trägt, eine spürbare Textur aufweist und Lebendigkeit ausstrahlt, bildet der Stahl das kühle, industrielle und rationale Gegenüber. Er bringt Härte, Stabilität und eine klare, unnachgiebige Kante in das Werk. Die Gegensätzlichkeit der Materialien erinnert so an grundlegende Lebensprinzipien – wie das Zusammenspiel von Geist und Körper, Natur und Kultur oder Gefühl und Verstand.
Die beiden Teile der Skulptur stehen im Abstand von rund zwanzig Zentimetern nebeneinander und sie „schauen“ in den Raum. Bei beiden erhebt sich aus einem fast gleich geformten Holzsockel, in dem sich noch die Risse des Holzes zeigen, das komplementäre Element aus Stahl. Während die parallel nebeneinanderstehenden Holzsockel in dieselbe Richtung jeweils nach innen fallende Wellen nach vorne auswölben, wodurch jeweils ein gerundeter Leerraum entsteht, der sich mit dem Umraum des Lichthofs verbindet, sind die Stahlelemente voneinander unterscheidbar. Das Element der rechten Stele weist dabei eine Struktur auf, die als ein den anderen ansehenden Kopf interpretiert werden könnte. Die Skulptur wirkt so wie zwei Figuren im Raum, die in einer sowohl vertrauten als auch spannungsvollen Beziehung zueinanderstehen, ohne miteinander verschmolzen zu sein. Denn jede Stele behauptet ihre eigene Identität und Individualität.
Späths Entscheidung für die Form der Stele greift dabei ein uraltes Motiv der Kunstgeschichte auf. Eine Stele markiert einen Ort, sie behauptet eine Präsenz. Durch die vertikale Ausrichtung strebt das Werk nach oben, wirkt trotz der Schwere des Stahls leicht und aufgerichtet. Gerade im architektonischen Kontext des Lichthofs im Alten Kloster, der von Linien, Licht und Höhe geprägt ist, fungiert das Werk als stiller, fast meditativer Ankerpunkt. Es lädt dazu ein, innezuhalten, die Proportionen im Verhältnis zum eigenen Körper zu erfahren, den umgebenden Raum wahrzunehmen und die Balance zwischen Standfestigkeit und innerer Aufrichtung zu reflektieren. Als fester Bestandteil des Kunstbesitzes der Stadt Bad Saulgau repräsentiert diese Arbeit einen wichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Bildhauerei in Oberschwaben.
Der Ankauf durch die Stadt Bad Saulgau erfolgte mit Unterstützung des Kunstvereins Bad Saulgau. e.V.
Waltraud Späth (*1960 in Oberammergau) wuchs in Friedrichshafen am Bodensee auf. Nach ihrer Ausbildung an der Holzbildhauerschule Oberammergau studierte sie von 1983 bis 1988 Bildhauerei an der Kunstakademie Stuttgart. Seit 1989 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin. Waltraud Späth lebt in Friedrichshafen.
Hans Purrmann (1880-1966): Frau mit roter Kette, 1930
Öl auf Leinwand
104 x 79 cm
Nachlass Hans Purrmann
In seinem Gemälde „Frau mit roter Kette“ zeigt Hans Purrmann das Kniebild einer in einem eleganten, hell gepolsterten Armlehnstuhl sitzenden Frau. Mit ihren verschränkten Armen und dem in die Ferne gerichteten Blick sieht sie reserviert und nachdenklich aus, wendet sich vom Maler ab. Auch die übereinandergelegten Beine vermögen ihre Distanziertheit zu unterstreichen. Das Gemälde besticht durch seine ausgewogene Farbgebung. Die dunkle Kleidung harmoniert mit dem dunklen Haar und unterstreicht ihre Präsenz in einem mit frischen Farben gemalten Innenraum. Die doppelreihige rote Halskette zieht den Blick unmittelbar auf den Oberkörper, lässt ihn von hier aus über die gesamte Bildfläche wandern. Als sei die Kette der Ausgangspunkt für die insgesamt eher kühle und sehr harmonische Farbgebung, findet man ihr Rot sowohl bei den Wangen, als auch im reich gemusterten Teppich. Dazu stellt die mit zartem Hellblau gemalte Wand einen ausgleichenden Kontrast dar.
Hans Purrmann ist einer der großen Koloristen des 20. Jahrhunderts. Noch kurz vor seinem Tod im Jahre 1966 soll er „Bring mir die Farben“ gesagt haben. Nach einer Ausbildung im väterlichen Malerbetrieb, führt ihn sein Weg über das Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München sowie einen Berlinaufenthalt im Jahre 1905 nach Paris. Hier arbeitet er eng mit Henri Matisse, dem Hauptvertreter der Fauves, zusammen, deren Malerei wegen ihrer Starkfarbigkeit für Aufsehen sorgt. Auch bei Hans Purrmann sind Farbe und Form als Ausdrucksträger wichtiger als die naturalistische Wiedergabe. Hans Purrmann gehört zu den Mitbegründern der Académie Matisse in Paris, die wiederum großen Einfluss auf die Malerei des Expressionismus in Deutschland hat. Hans Purrmann erfährt bereits zu Lebzeiten große Anerkennung, seine Werke werden schon damals von vielen privaten und öffentlichen Sammlern gekauft.
Otto Dix (1891-1969): Geißelung Christi, 1948
Öl auf Leinen
118 x 104 cm
Stadt Bad Saulgau
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird Otto Dix 1945 zum Volkssturm eingezogen. Es folgt die Kriegsgefangenschaft im elsässischen Colmar, während der er – trotz der Umstände – künstlerisch arbeiten kann. Die Rückkehr nach Kriegsende trifft ihn jedoch hart: Die Welt ist eine völlig andere geworden. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg reagiert Otto Dix auf das Erlebte und bannt das Grauen mit virtuosem Pinselstrich in seiner Geißelung Christi auf die Leinwand.
Das Werk zeigt den Sohn Gottes, an eine Säule gebunden und der Gewalt zweier Henker schutzlos ausgeliefert. Ein Sträfling und ein Wehrmachtssoldat prügeln unbarmherzig mit Peitsche und Schlagstock auf Christus ein. Die Brutalität der Schläge hat bereits tiefe Wunden auf seinem Rücken hinterlassen. Das empfangene Leid spiegelt sich eindringlich in seinem von Qual gezeichneten Gesicht. „Spitzpinselige Malerei“, wie Otto Dix es nennt, vermag diese Gräueltat nicht abzubilden. Stattdessen wählt er eine expressive Alla-prima-Malerei, die mit einem kraftvollen Duktus und leuchtenden Farben das Geschehen auf die Leinwand bannt.
Otto Dix gehört zu jener Künstlergeneration, deren Leben und Schaffen von zwei verheerenden Weltkriegen traumatisch geprägt wird. „Ich bin das Auge der Welt“, sagt der Künstler. Als Chronist seiner Zeit beobachtet und entlarvt er die Abgründe der Menschheit schonungslos. Den Impuls zu diesem Bild liefert eine persönliche Erfahrung aus der Gefangenschaft: Ein junger Mitgefangener hatte aus Hunger ein Stück Brot gestohlen und war dafür mit einem brutalen Spießrutenlauf bestraft worden.
In seiner Darstellung zeigt Otto Dix die schockierende Wahrheit: Das Böse korrumpiert jeden. Gefangener und Soldat werden gleichermaßen zu Tätern. Christus erträgt die physischen Qualen ohne Widerstand – stellvertretend für die zahllosen Opfer des Krieges. Während die Geißelung im traditionellen christlichen Kontext als Teil des Passionswegs auf Kreuzigung und Erlösung verweist, tritt der Heilsgedanke bei Dix völlig in den Hintergrund. Sein Werk ist kein religiöses Trostbild, sondern eine Darstellung der menschlichen Grausamkeit.
Otto Dix (1891-1969):
Kleine Kreuzaufrichtung, 1957/58
Öl auf Holz
68,5 x 96,5 cm
Dauerleihgabe der Otto Dix-Stiftung
Vor einer großstädtischen Kulisse wurde Christus mit unerbittlicher Brutalität an das Kreuz genagelt. Die übergroßen Marterwerkzeuge liegen noch auf dem Boden. Unter Kraftanstrengung und mit grimmigen Mienen versuchen seine Peiniger, das schwere Kreuz aufzurichten. Während reichlich Blut fließt und der Körper Christi seltsam in sich verdreht wirkt, sucht sein Blick den Betrachter. Die Identität der Peiniger wirft jedoch Fragen auf. Mit Schiebermütze, Unterhemd und kurzer Hose gleicht der linke Mann einem zeitgenössischen Arbeiter, wohingegen der rechte Übeltäter Otto Dix‘ Soldatendarstellungen aus beiden Weltkriegen aufgreift. Christus erfährt hier durch Menschenhand unbeschreibliche Gewalt.
Im christlichen Kontext verweist die Kreuzaufrichtung auf die nachfolgende Auferstehung und das damit verbundene Versprechen der Erlösung. Die bildbestimmende Diagonale des Kreuzes, die in der nach oben strebenden Leiter ihre visuelle Fortsetzung findet, scheint diese theologische Hoffnung zunächst anzudeuten. Jeglicher Gedanke an ein göttliches Heilsgeschehen wird jedoch durch die kühle Farbpalette unterbunden.
Als Otto Dix 1946 aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Hemmenhofen am Bodensee zurückkehrt, versucht er, wie bereits nach den Traumata des Ersten Weltkriegs, sich mithilfe der Malerei von den Schrecken der vergangenen Jahre zu befreien. Der Wechsel zur unmittelbaren Alla-prima-Malerei wirkt dabei erlösend auf ihn. Mit kräftigen Pinselstrichen kann er seine Bildideen umsetzen. In dieser Zeit entstehen zahlreiche Gemälde, die die Leidensgeschichte Christi in den Mittelpunkt stellen. Obwohl Dix von sich behauptet, nicht gläubig zu sein, faszinieren ihn die biblischen Geschichten. Die Darstellung von Christi Menschlichkeit und das im Heilsgeschehen verankerte Erdulden des Leids, eröffnen Dix eine Möglichkeit zur Bewältigung der grausamen Kriegserfahrungen. Diese Auseinandersetzung mündet zwischen 1946 und 1949 in einer produktiven Schaffensphase mit rund 150 Gemälden, die im Wesentlichen sein Spätwerk markieren.
Micheal Luther (geb.1964): Junge, 1994
Öl auf Leinwand, Triptychon
240 x 150 cm
Dauerleihgabe des Kunstvereins Bad Saulgau
Im gleichnamigen Triptychon von Michael Luther tritt uns der Junge aus einem unbestimmten Raum gegenüber. Seine Präsenz sucht den direkten Kontakt zum Betrachter. Er wirkt in sich ruhend, verströmt zugleich jedoch eine subtile Verletzlichkeit und Verlorenheit. Ein stark strukturiertes Blau umgibt die Figur: Es evoziert eine spürbare Tiefenräumlichkeit und öffnet das Bildgefüge zugleich suggestiv nach vorne – eine raumgreifende Bewegung, die sich über die beiden seitlichen Tafeln hinweg fortsetzt.
Für diese frühe Arbeit wählt der Künstler das Format des Triptychons. Ursprünglich im sakralen Kontext verankert, verschafft die Dreiteiligkeit dem Werk zusätzliche Präsenz, ohne die Autonomie der einzelnen Tafeln aufzuheben. Dieses konzeptionelle Prinzip wird hier unmittelbar spürbar; alles steht in einer wechselseitigen Beziehung. Das Blau erobert den Raum, wird auf den Seitenflügeln mit den markant gesetzten blauen Pinselstrichen weitergeführt. Sie könnten sogar über den eigentlichen Bildraum hinaustreten. Raffiniert liegt ihre Anordnung mal unter mal über den Farbstreifen. Diese optische Öffnung spiegelt sich auch in den bunten Querstreifen des T-Shirts wider, die in vertikaler Ausrichtung auf den seitlichen Tafeln nachhallen. Der Junge, dessen Darstellung auf ein Kinderfoto des Künstlers zurückgeht, tritt visuell hervor. Er scheint bereits um die Bedeutung der Malerei und das Potenzial der Farbe als autonomes Gestaltungsmittel zu wissen. „Ich komme aus der Farbe heraus“, wird Michael Luther später formulieren. Entstanden während seiner frühen Studienjahre (1992–1997) an der Hochschule der Künste in Berlin, führt dieses Werk vor Augen, dass jeder Anfang – wie auch der fortlaufende künstlerische Prozess – vom stetigen Hinterfragen und dem Beschreiten neuer Wege geprägt ist. Bis heute steht im umfangreichen Œuvre des Künstlers der Akt des Malens selbst im Fokus: Farbe, Materialität und ihre unmittelbare Wirkung sind die wesentlichen Mittel seiner inzwischen weitgehend ungegenständlichen Kunst.
Gerold Miller (geb. 1961): total object 275, 2011
Aluminium, lackiert
99 x 99 x 6 cm
Stadt Bad Saulgau
Die „Total objects“ sind zahlenmäßig die größte Werkgruppe im Oeuvre des Bildhauers Gerold Miller. Statt mit beschreibenden Titeln, sind sie mit fortlaufenden Nummern versehen. Dadurch verweisen die Arbeiten auf sich selbst. Zu sehen ist ein mit abgerundeten Ecken versehenes Quadrat aus Aluminium, das sich durch eine kleinere Ausstanzung wiederholt und den Blick auf die dahinterliegende Wand freigibt. Genau an dieser Stelle ruht nun der Blick, kann sogar etwas in die Tiefe schweifen.
Gerold Miller greift mit seinen „Total objects“ einen Grundgedanken der Minimal Art der 1960er Jahre auf. Kunst wird reduziert auf klare Formen und Farben, industrielle Materialien werden bevorzugt. Der individuelle Ausdruck des Künstlers tritt in den Hintergrund. Dieser Ansatz ermöglicht, dass die Betrachtung sich vollständig auf das Kunstwerk fokussiert. Fragen drängen sich auf: Sieht man Malerei oder Objektkunst? Gibt es womöglich gerade durch die abgerundeten Ecken des Quadrats Tiefenräumlichkeit? Eindeutig beantworten lassen sich diese Fragen zwar nicht, aber sie fordern zum weiteren Nachdenken auf. Auch der Renaissancegedanke vom perspektivischen Bild als Fenster zur Welt drängt sich auf, jedoch stellt sich dieses kleine weiße Fenster in seiner Klarheit und Ruhe der Bilderflut unserer medialen Welt entgegen. Als Ruhepol bietet es Raum für eigene Bilder und Gedanken, eingefasst von einem blauen Rahmen, der zugleich Kunstwerk und ästhetisches Designobjekt ist.
Gerold Miller studiert von 1984 bis 1989 Bildhauerei an der Kunstakademie in Stuttgart. Zahlreiche Stipendien begleiten seinen künstlerischen Werdegang, so der Kunststiftung Baden-Württemberg, des DAAD für einen Aufenthalt in Chicago und der Cité Internationale des Arts Paris. 1999 ist er Artist in residence im Artspace in Sydney. Heute lebt und arbeitet Gerold Miller in Berlin und Pistoia. Seine Werke sind in zahlreichen Ausstellungen und Sammlungen vertreten.
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